Setareh

Meine Name ist Setareh*. Ich bin im Iran geboren und musste Teheran vor zwei Jahren verlassen, um nach Deutschland zu flüchten. Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, von denen eine ebenfalls geflohen ist. Eigentlich ging es mir im Iran gut. Ich hatte dort alles. Nach meinem Abitur habe ich das Studium der Politikwissenschaften begonnen und auch abgeschlossen. Nach der Uni absolvierte ich eine staatlich anerkannte Ausbildung zur Maskenbildnerin. Acht Jahre lang habe ich für Kino, Fernsehen und Theater gearbeitet.

Drei Jahre vor meiner Abreise habe ich mich mit dem Sohn eines Kino- und Fernsehregisseurs verlobt. Seine Familie war sehr religiös und einflussreich, genau wie meine eigene. Ich hatte nie Interesse an strengen religiösen Geboten. Vor allem habe ich mich immer gefragt, warum Leute in der arabischen Sprache mit ihrem Gott sprechen, wo wir doch im Alltag persisch sprechen. In Teheran habe ich als Dozentin für Maskenbildnerei an einer Fachhochschule unterrichtet. Eine meiner Studentinnen war eine gebürtige Christin. Sie war eine sehr nette und angenehme Person; sie lud mich zu sich nach Hause ein. So lernte ich das Christentum kennen. Wenn ich ihr Fragen zu ihrer Religion stellte, haben sie und ihre Mutter mir geduldig und sehr nett geantwortet. Ihre Mutter schenkte mir eine Bibel. Zunächst fand ich es schwierig, mich dort hineinzufinden. Als ich jedoch weiter las, habe ich die Logik verstanden und fand Interesse daran. Auf die meisten Fragen, die ich zu der islamischen Religion hatte, fand ich in der Bibel Antworten. Ich habe am Islam nie verstanden, dass Gewalt, Vergeltung und die Verbreitung der Religion mittels Kriegsführung eine große Rolle spielen. In der Bibel habe ich das Gegenteil gelesen: Vergebung, Frieden und Liebe wurden als Botschaft dargestellt. Das führte dazu, dass ich eine innere Ruhe fand und daran glauben konnte. Ich habe mit meiner Studentin eine Kirche besucht und an den christlichen Feierlichkeiten teilgenommen. Das war 2012 in der Zeit, in der einige festgenommen wurden, weil sie die Religion gewechselt bzw. Kirchen besucht hatten.

Die Pastoren wurden aufgefordert, keine Muslime in der Kirche aufzunehmen. Ich habe das gemerkt. Als ich mit einem Pastor sprechen wollte, war dieser sehr ablehnend zu mir. Ich habe danach versucht, einige Kirchen zu besuchen, um mich taufen zu lassen. Aber keine war bereit, überhaupt mit mir zu sprechen. Einige Kirchen wurden sogar geschlossen.

Ich hatte das Bedürfnis, mit anderen über meinen Glauben zu sprechen. Ich wollte ihn nicht verstecken, sondern die Botschaft in aller Freiheit verbreiten. Ich erzählte meinem Verlobten von meiner Neigung zum christlichen Glauben. Er nahm mich zunächst nicht ernst und hat das als Blödsinn abgetan. Am Anfang hat er mich nur gemobbt. Als er feststellte, dass ich tatsächlich daran glaube, hat er versucht, meine Meinung zu ändern. Als seine Familie davon erfuhr, warf sein Vater mich aus dem Haus und sagte, ich hätte dort nichts mehr zu suchen. Seine Familie hat gesagt, er dürfe nicht mehr mit mir reden, geschweige denn mich heiraten.

Mein Verlobter bedrohte mich. Er sagte, wenn ich bliebe, würde er mich bei der Polizei anzeigen. Er sagte, er dürfe mich nach iranischen Gesetzen töten, ohne bestraft zu werden. Meinen Kollegen hat er ebenfalls davon erzählt, sodass ich nicht mehr arbeiten gehen konnte. Einer Kollegin sagte er sogar, dass er mir Säure ins Gesicht schütten würde. Es wurde sehr schwer für mich, einen normalen Alltag zu leben. Ich konnte nicht arbeiten gehen, nicht einmal normal einkaufen. Mein Leben wurde immer enger. Ich konnte mich auch rechtlich nicht gegen meinen Verlobten zur Wehr setzen, weil er dann bestimmt gesagt hätte, warum er diese Drohungen gegen mich ausgestoßen hat. Er hat mir auch telefonisch gedroht, mich anzuzeigen oder mir Säure ins Gesicht zu schütten. Ich konnte nirgendwo anders hin – er sagte, mithilfe der Polizei würde er mich überall finden. Mein Vater war gegen meinen Religionswechsel, aber meine Mutter hat ihn später akzeptiert. Ich sah keinen anderen Ausweg, als das Land zu verlassen. Über eine Bekannte habe ich eine Frau kennen gelernt. Ich musste jemanden beauftragen, der mir bei der Ausreise hilft, weil es im Iran sehr, sehr schwer ist, als ledige Frau ein Visum zu erhalten.

Gegen meine innere Überzeugung musste ich das Land verlassen. Es war gegen meine Überzeugung, meine Familie zu verlassen. Die Schleuserin fälschte einen Personalausweis so für mich, dass ich einen Mann und Kinder habe, damit das Visum ausgestellt wurde. Mithilfe dieses Visums konnte ich das Land verlassen. Die Bedrohung durch meinen Verlobten hielt bis zur Ausreise an, weshalb ich oft bei meiner Freundin unterkommen musste. Selbst in Deutschland bekam ich noch weiterhin Emails voller Drohungen, dass er mich umbringen würde.

Hier in Deutschland ist es mir gelungen, meine Religion frei auszuleben. Ohne Angst. Im Iran hatte ich immer Angst, weil ich einen anderen Glauben angenommen habe. Obwohl ich nie etwas falsch gemacht habe, hatte ich stets Angst vor der Sittenpolizei, weil ich wusste, was für eine Macht die haben und wie die mit Frauen umgehen. Diese ständige Angst begleitete mich und ich konnte diese Ungleichheit von Männern und Frauen nicht verstehen. Hier in Deutschland habe ich keine Angst.

Am 19.07.2015 wurde ich getauft und ich besuche regelmäßig die Kirche. Ich kann in aller Freiheit den Gottesdienst mit anderen Glaubensmitgliedern feiern. Neulich habe ich das Glaubensbekenntnis auf Deutsch vorgetragen und die Deutschen haben sich gewundert, wie gut eine Perserin das kann. Diese Gemeinschaft mit anderen Christen ist mir sehr wichtig. Ich lerne dort gegenseitige Liebe und Vergebung. Früher viel es mir schwer zu vergeben; das habe ich jetzt gelernt.

Wenn im Iran alles gut wäre, würde ich sehr gern zurückgehen. Das ist meine Heimat. Dort ist meine Familie. Dort verstehe ich die Sprache. Im Iran hatte ich einen guten Job. Aber ich kann nicht zurück. Im iranisch-islamischen Strafgesetzbuch heißt es, wer als Moslem seine Religion ablegt, der ist ein Ungläubiger. Das Urteil dafür ist Tod.

Das Schlimmste hier ist, Geld vom Sozialamt zu holen. Ich schäme mich jedes Mal dafür. Ich möchte arbeiten gehen, aber noch spreche ich nicht genug Deutsch. Ich lerne gern Deutsch, aber es ist sehr schwer. Deshalb fahre ich jeden Tag zum Deutschkurs. Hier ist vieles anders und schwer. Aber es ist auch eine Chance. Für vieles, was ich im Iran verloren habe, habe ich hier neues bekommen. Ich habe hier viele, gute Menschen kennen gelernt und dafür bin ich dankbar.

(*Der Name wurde zum Schutz und auf Wunsch der Person geändert.)

Setareh kommt aus dem Iran. Sie wurde als Christin verfolgt und mit dem Tod bedroht.

Im Iran arbeitete sie als Maskenbildnerin beim Film, im Fernsehen und Theater.

Wenn im Iran alles gut wäre, würde ich sehr gern zurückgehen. Das ist meine Heimat. Dort ist meine Familie. Dort verstehe ich die Sprache. Im Iran hatte ich einen guten Job. Aber ich kann nicht zurück. Im iranisch-islamischen Strafgesetzbuch heißt es, wer als Moslem seine Religion ablegt, der ist ein Ungläubiger. Das Urteil dafür ist Tod.