Kathleen Hubrich

Kathleen Hubrich arbeitet bei der DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG und im Rahmen des Stadtumbaus-Ost im Projekt „Soziale Stadt“ als Stadtteilmanagerin.

Was ist Ihre Aufgabe als Stadtteilmanagerin?
Ich bin eine Vermittlerin zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Stadtverwaltung. Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit besteht aus der Netzwerkarbeit. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, bestehende Strukturen und Initiativen zu stärken und mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort in Projekten zusammen zu arbeiten.

Wie sehen Sie die Situation in Forst?
Ich bin ja eigentlich gar keine Forsterin, sondern komme aus Cottbus. Aber aufgrund der langen Jahre, die ich hier arbeite, kann ich schon sagen, dass viel passiert ist. Forst hat eine gute Lebensqualität, ist ruhig und überschaubar. Es finden sich ebenfalls viele neue und zuverlässige Partner für Projekte. Ich bin jetzt seit fast 6 Jahre in Forst tätig und man schafft es eigentlich immer, die Menschen abzuholen und für Ideen zu begeistern. Man muss natürlich genau aufpassen, wer passt in welches Projekt und wer kann mit wem. Aber es gibt viele zuverlässige Partner, die auch im Laufe der Jahre merken, dass da auch was raus kommt. Man braucht Zeit und Geduld, aber es entwickelt sich.

Was hat sich durch die Flüchtlinge in Ihrer Arbeit verändert?
Die Ideen, die an uns herangetragen werden, haben oft mit dem Thema „Flüchtlinge“ zu tun. In Forst ist diesbezüglich etwas sehr Schönes passiert, denn vor 2 Jahren gab es ein Treffen verschiedener engagierter Partner und Vereine, die mit Flüchtlingen arbeiten. Ich bin in dieses Treffen gegangen, in Vertretung des Fachbereiches Stadtentwicklung als Stadtteilmanagerin und dachte, das ist jetzt eine eingespielte Runde, aber es war das erste Auftakttreffen. Das habe ich nicht erwartet. Von da an lief das sehr gut an: sehr kontinuierlich, regelmäßige Treffen, ein guter Austausch war da.

Sie sprechen vom Flüchtlingsnetzwerk?
Ja genau. Und jetzt nach 2 Jahren ist ein anderes Niveau erreicht, die Qualität in der Zusammenarbeit ist deutlich angestiegen, da der Austausch immer einfacher wird. Die Partner kennen sich immer besser und das Netzwerk wächst. Das ist sehr positiv für die Stadt.

Aber hat sich konkret Ihre Arbeit in den letzten 2 Jahren verändert?
Ja, im Privaten wie auch im Beruflichen. Ich bin ja auch ehrenamtlich viel unterwegs, das ergibt sich und ist auch alles gar nicht im Rahmen meiner Arbeit machbar, ich habe ja auch klare Vorgaben. In meiner täglichen Arbeit ergeben sich immer wieder Wechselwirkungen, wie jetzt z. B. beim Weihnachtsmarkt: Es gibt eine Ecke, welche leer steht und die Stadt hatte die Idee, ein Märchenvorlesezeltzelt einzurichten. Wir werden auch an einem Tag drei Sprachen anbieten: persisch, arabisch und russisch. Wir binden die Flüchtlinge natürlich ein, man kann also auch zeigen,  die ausländischen Flüchtlinge bereichern unser Leben. Oder bei dem interkulturellen Stadtpicknick: Da war dann soviel los, dass der gesamte Marktplatz voller Kinder und Eltern war und viele wussten erst bei diesem Anblick, wie viele Flüchtlinge wir haben. Es gab zahlreiche schöne Begegnungen. Also es gibt immer wieder Projekte der Stadt, bei denen ich sage: Hier können wir mit Flüchtlingen etwas beitragen.

Das hört sich so an, als würde das in Forst sehr gut zu funktionieren.
Es sind erste Schritte, weil über das Netzwerk – also auch privat – die Kontakte da sind. Wir können natürlich nicht alle Flüchtlinge einbinden, manche gehen nicht aus dem Heim raus. Aber in beiden Heimen gibt es mittlerweile gute Kontakte zu Flüchtlingen, die dann auch andere mitziehen und dann läuft das an.

Aus Sicht der Stadtentwicklung: Welche Probleme oder Potentiale birgt die aktuelle Situation?
Ein Problem ist sicher die Unterbringung und die Umverteilung im Landkreis. Die ist sehr wichtig, weil sehr viele Menschen einfach über Eisenhüttenstadt zugewiesen werden und die Kommune muss dann Wohnungen, Kita und Schulplätze für die Kinder finden. Das ist wirklich schwierig. Und da ist die kommunale Daseinsform, da gibt es noch Entwicklungsspielräume nach oben in den nächsten Jahren. Aber es wird leider woanders entschieden, was passiert. Einige Einrichtungen stellen sich schon auf andere Nationalitäten ein, da übersetzen wir bspw. Elternbriefe in andere Sprachen. Das ist ebenfalls ein wichtiger Bereich der sozialen Stadt, da gibt es auch Bedarf, den wir versuchen zu erfüllen. Die Stadt hat leider keine/n Integrationsbeauftragte/n, das sind Themen, die in der Zukunft eine Rolle spielen, es gibt keine/n direkte/n Ansprechpartner/in für Migranten oder Flüchtlinge.

Welche Chancen bieten sich für Forst gerade in Bezug auf den demographischen Wandel?
Es sind noch wenige, die wirklich bleiben wollen, da sich viele in anderen Gegenden orientieren, in größere Ballungszentren oder woanders, wo sie Kontakte haben und diese dann nutzen. Aber die Integration ist in kleineren Kommunen leichter und besser für Flüchtlinge.

Warum?
Weil die großen Städte überfordert sind, mittlerweile sagen auch die Migranten in den Städten, sie wollen keine neuen Flüchtlinge mehr in den Städten haben. Wir haben immer noch Kontakt zu Flüchtlingen in Essen oder München, die sich melden und sagen, sie haben Sehnsucht nach Forst, da sie in den Großstädten keine Kontakte finden.

Wie funktioniert die Erstversorgung in Forst?
Für die Unterbringung ist der Landkreis zuständig, damit hat Forst nicht viel zu tun. So wie ich das mitbekomme, rattern ein Tag vorher die Faxgeräte und dann kommt die Liste: Morgen habt ihr 30 neue Leute hier. Die kommen dann erst einmal nach Forst von Cottbus oder Eisenhüttenstadt und werden dann von Forst nach Guben, Spremberg oder Peitz verteilt.

Warum über Forst?
Forst war in den letzten 15-20 Jahren die einzige Stadt, die für den Landkreis Flüchtlinge aufgenommen hat. Forst hat seit 20 Jahren Flüchtlinge.

Funktioniert das denn gut hier in Forst, oder gibt Schwierigkeiten?
Wenn man in das „große“ Heim geht, dann weiß man eigentlich: Da will ich keine Nacht verbringen. Letztendlich ist das Sache des Landkreises, aber die Menschen leben hier und gehen hier einkaufen.

Wenn sie nach vorne blicken, wie sehen sie das: Werden viele Flüchtlinge hierbleiben, wieder kommen? Entsteht eine Community?
Wenn ich die Stadt sehe, mit dem demographischen Wandel und der Entwicklung des Einzelhandels, dann können wir über jeden glücklich sein, der bleibt oder zurückkommt. Jeder Einzelfall bereichert die Stadt und es gibt ja die ersten, die wirklich hier bleiben wollen und nicht nach Berlin gehen. Und da muss mehr getan werden, um den Menschen zu zeigen, welche Chancen sie hier haben. Das Eine sind die Gesetze und die Regeln, das Andere ist das schnelle Handeln, also wirklich anfangen und tätig werden. Auch wenn am Anfang nicht alles abgecheckt ist. Und davon profitiert ja auch die Stadt.

Wie sieht die Situation hier in Forst bezüglich der Sprachkenntnisse bzw. der Möglichkeiten, unsere Sprache zu lernen, aus?
Im Moment gibt es zum Glück wieder genügend Angebote, allerdings sind ja die neuen Kurse auf vier Länder beschränkt. Das kann man Flüchtlingen aus anderen Ländern gar nicht logisch erklären. Gerade, wenn jetzt von Afghanistan als sicherem Herkunftsland die Rede ist… das kann man einfach gar nicht erklären. Es gab viele Monate keinen Zugang zu Sprachkursen und das war für die Flüchtlinge sehr schwer… wir haben versucht, es über das Ehrenamt abzusichern, aber sobald jemand krank wurde, ist vieles nicht weiter gegangen. Die Kurse, die jetzt in Cottbus und in Forst laufen, reichen aus. Die Sprache ist der wichtigste Zugang für diese Leute. Die Unternehmen sind interessiert, bieten teilweise auch Praktika an, selbst wenn die Sprache noch nicht ganz so beherrscht wird, z.B. die Firma Schweizer und Mattig&Lindner. Es haben sich viele Unternehmen bereit erklärt, mit Flüchtlingen zu arbeiten und ein Praktikum anzubieten.

Gibt es auch negative Reaktionen von Bürgern?
Ich nutze keine sozialen Netzwerke, um mich zu informieren. Ich bin nicht bei Facebook. Das schützt auch und ist ganz gut. Ich bekomme es im Bekanntenkreis in Cottbus mit, auch sehr negativ zum Teil. Wenn ich dann aber sage: Mensch, ich bin hier befreundet mit vielen Syrern und Menschen anderer Nationalitäten, komm doch mal mit – dann höre ich: Na, es reicht doch, dass ich Angst habe. Und wenn ich dann frage: Was ist passiert? „Na, die haben auf dem Radweg keinen Platz gemacht und gucken mich so böse an und ich musste absteigen.“ Es gibt bei den Flüchtlingen solche und solche und es gibt bei den Deutschen solche und solche. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe.

Gibt es Empfehlungen (auch bezüglich Verwaltung) für den Umgang mit Flüchtlingen in Forst?
Also mit der Kreisverwaltung mache ich sehr gute Erfahrungen. Das ist auch ein wichtiger Schulterschluss zwischen der Stadt und dem Landkreis. Ich denke schon, dass es auch jemanden in der Stadtverwaltung geben sollte, der die Aktivitäten steuert. Der Informationsfluss zwischen verschiedenen Institutionen muss verbessert werden. Die Leute in den Verwaltungen sind an vielen Punkten überlastet, sodass sie vieles auch nicht mehr leisten können, auch wenn sie wollen. Und es ist sehr wichtig, den Bogen zwischen Verwaltung und Basis zu spannen.

Wie wünschen Sie sich die zukünftige Entwicklung?
Für Forst, dass die Stadt, die Menschen die hier leben, weiter so gut mit dem Flüchtlingsthema umgehen. Das wird spannend. Ich denke, in fünf Jahren wird auch die Stadt vielleicht ein anderes Gefühl leben und es wird eine stärkere Mischung da sein, hoffe ich. Aber immer mit der Perspektive und der Chance: Können die Menschen hier arbeiten? Viele wollen ja ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, denen ist das hochpeinlich, zum Amt gehen zu müssen. Die sind aus ihrem Leben rausgerissen, entwurzelt und haben in ihrer Heimat immer gearbeitet. Mich bereichern diese Kulturen. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen annehmen und sich gegenseitig auch ihre Traditionen vermitteln; dass in der Stadt die Strukturen gestärkt werden, der Einzelhandel, denn wenn es um die Nachfolge geht, wird das von der Altersstruktur her in ein paar Jahren erschreckend. Wenn sich da andere einbringen, die auch Potenziale haben, dann ist das eine Chance.

DANKE!

Name

Kathleen Hubrich

Beruf

Stadtteilmanagerin „Soziale Stadt“