Annett Noack

Annett Noack ist Integrations- und Behindertenbeauftragte im Landkreis Spree-Neiße. Im Bereich der Integration liegt der Schwerpunkt hauptsächlich bei der Netzwerkarbeit, also alle Akteure die mit Zuwanderung, Flüchtlingen und Asylbewerber/innen arbeiten zu vermitteln, Netzwerke aufzubauen und zu unterstützen und auch eine wegweisende Beratung, wenn es nötig ist, zu leisten.

Inwieweit beeinflusst die momentane Situation Ihre Arbeit?

Inhaltlich war es ja für mich nicht so neu, da ich vorher 18 Jahre direkt in der Migrationsberatung gearbeitet habe. Sicherlich nicht mit dieser großen Anzahl an Zuwanderern.

Wie fühlt sich die neue Arbeitssituation an?

Es ist natürlich nicht ganz einfach, wenn man von einem freien Träger, von der Basisarbeit, in einen großen Verwaltungsapparat wechselt. Da ich jedoch mit meiner Arbeit direkt dem Landrat unterstellt bin, kann ich mit wichtigen Partnern in Kontakt treten, Freiräume nutzen und versuchen, viel zu gestalten und anzuschieben.

Wie ist aus Ihrer Sicht die Situation in der Verwaltung hier im Landkreis Spree-Neiße?

Ich sehe die Situation sehr positiv, da sich auch der Landrat für diese Thematik sehr interessiert und einsetzt. Aus meiner Erfahrung heraus ist dies nicht überall so. Der Landrat hat im Sommer eine „Arbeitsgruppe „Asyl“ in der Verwaltung gegründet, bei der die unterschiedlichsten Ansprechpartner, die für die Unterbringung, Betreuung und Integration zuständig sind, einmal in der Woche zusammen kommen, um sehr flexibel und schnell reagieren zu können, damit die Leute eben nicht in Turnhallen oder Zelten untergebracht werden müssen. Es gab auch einige Anlaufschwierigkeiten, da ja keiner die Situation so schnell und konkret für den Landkreis vorhergesehen hat, obwohl es schon offensichtlich war angesichts der Geschehnisse in Italien und Griechenland. Die Verwaltungsspitze hat recht schnell reagiert und diese Thematik zur umfassenden Aufgabe für alle beteiligten Fachbereiche gemacht.

Ist es jetzt schon möglich, einen Blick in die Zukunft zu werfen, welche Auswirkungen diese Situation auf den Landkreis haben wird?

Da ich Integrationsbeauftragte bin, sage ich natürlich, dass die Unterbringung und Aufnahme nicht alles ist. Viele Menschen werden längerfristig bei uns bleiben, und wir sollten da auch ihre Potentiale erkennen und die Menschen hier halten. Ich habe mit vielen Städten und Gemeinden gesprochen die sagen, für sie sei es ein Gewinn, auch für die Kita- und Schuleinrichtungen im ländlichen Gebiet, da sie nun einige Einrichtungen halten und vielleicht sogar ausbauen können. Das ist eine große Chance, die wir nicht verpassen dürfen, denn die jungen Leute wollen arbeiten, die wollen was tun. Wir sind mit dem Programm „Engagierte Stadt“ in Forst ganz gut aufgestellt. Da ist die Rückkopplung da, denn wenn sie hier eine Perspektive bekommen, dann wollen sie auch gern bleiben. Gerade der Süden Brandenburgs braucht diese Zuwanderung auch aufgrund des demographischen Wandels. Deshalb schauen wir schon, dass wir in dem Bereichen Kita, Schule, Arbeit und Sprache etwas anbieten können. Ich bin mit den Partnern vor Ort sehr eng im Gespräch, sowie auch der Landrat z.B. mit der Handwerkskammer, damit auch Programme greifen, die Menschen also wirklich eingliedert werden. Aber das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Viele Arbeitgeber haben freie Stellen, der Agenturbereich Cottbus hat um die 4.000 offene Stellen, und alle hoffen, dass es sofort losgeht. Da muss ich immer ein bisschen bremsen, denn die Menschen, die heute ankommen, sind die Fachkräfte von übermorgen oder überübermorgen.

Zuerst müssen wir mit der Sprache anfangen. Dann haben die Zuwanderer zum Teil andere Ausbildungen, die hier nicht anerkannt sind. Wir sind auf einem guten Weg in den Mittelzentren Guben, Spremberg und Forst. Da geschieht im Moment einiges in Richtung Sprache mithilfe der Bundesagentur und unserer Volkshochschule. Das ist eine große Chance.

Ich hoffe auch, dass es uns gelingt weiterhin noch viele einheimische Bürger in diesem Prozess mitzunehme, die in der Zuwanderung auch einen Gewinn für unsere Gesellschaft sehen. Denn es gibt auch zunehmende Kritik und berechtigte Ängste, die man ansprechen und thematisieren muss. Viele von den syrischen Kriegsflüchtlingen bspw. wollen auch gern hierbleiben, wenn sie spüren, dass es auch für sie hier Potentiale gibt. Sie erkennen bereits, dass die Integration in den kleinen Kommunen meist einfacher möglich ist als in den großen anonymen Städten. Da versuche ich anzusetzen und zu zeigen, dass wir im Moment eine Fülle von Angeboten haben. Für die Flüchtlinge ist es da zum Teil schwierig den Überblick zu behalten, auch die Netzwerke und ehrenamtlichen Helfer vor Ort sind mit der Situation teilweise überfordert. Die Vielzahl an Angeboten und Akteuren muss irgendwie gebündelt werden. Und das geht nicht nur uns so. Das trifft nicht nur Spree-Neiße, das ist ein deutschlandweites Problem. Ich hoffe, wir schaffen es diese Dinge im Jahr 2016 zu bündeln und in Form eines Integrationskonzeptes für den Landkreis Spree-Neiße auf den Weg zu bringen, damit alle Akteure, egal ob es Flüchtlinge, hauptamtliche, oder ehrenamtliche Helfer sind, etwas in der Hand haben  zu dieser Thematik.

Wie sieht es denn mit der Erstversorgung vor Ort aus?

Also die nächste große Baustelle ist der Bereich der „Schule“. Dieses Thema liegt zwar nicht ausschließlich in der Verantwortung des Landkreises, sondern hier ist das Landesamt für Schule und Lehrerbildung in Cottbus eigentlich zuständig. Aber wir haben das Problem, dass die Schulen nicht entsprechend auf die anwachsende Gruppe der Zuwandererkinder vorbereitet sind. In Guben haben wir ein recht gutes Modell mit der Stadt gemeinsam entwickelt: die zusätzlichen Willkommensklassen. Wenn die Kinder mit einer guten Bildung aus der Schule kommen, dann haben wir viele Probleme nicht mehr. Wir werden die Situation weiter beobachten, um als Landkreis zu helfen, wo Bedarf besteht und gemeinsame Lösungen finden. Es sind Dinge auf den Weg gebracht worden, aber eigentlich alle immer aus der aktuellen Situation heraus. Es gibt jetzt noch nicht die fundierten Konzepte, die ich mir wünsche.

Wie funktioniert in dieser Situation die Zusammenarbeit von Verwaltung und Zivilgesellschaft im Landkreis Spree-Neiße?

Durch die Flüchtlingsströme sind die Verwaltungen auf die Zivilgesellschaft angewiesen. Ich merke ganz oft, dass ohne die ganzen Netzwerke, Initiativen und ehrenamtlichen Paten viele Sachen überhaupt nicht laufen würden, das ist in der Verwaltung auch angekommen und bekommt sehr viel Wertschätzung. Es ist eine Chance und ein interessanter Prozess, was die Flüchtlinge hier bewegen konnten. Und egal, ob ich bei den Gemeindeverwaltungen oder bei den Stadtverwaltungen im Landkreis unterwegs bin, ich spüre sehr viel Offenheit und Entgegenkommen. Das ist natürlich nicht allgemein gültig. Ich habe vor kurzem einen offenen Brief vom Flüchtlingsrat an die Landesregierung gelesen und habe gedacht: Das trifft für Spree-Neiße nicht mehr zu. Wir treffen viele Bürger, die dem Thema relativ offen gegenüber stehen, die aber auch Informationen brauchen, die wir als Verwaltung und auch durch Partner in der Zivilgesellschaft vermitteln können. Meine Erfahrungen sind da eigentlich recht positiv. Ich ermutige die Verwaltungsmitarbeiter/innen auch immer, dass das eine Chance für uns ist, denn alleine können wir die Situation im Moment nicht bewältigen.

Bekommen sie auch negative Reaktionen aus der Bevölkerung mit?

Also es sind durchaus auch kritische Meinungen dabei, auch Nachfragen, viele Gerüchte und Vorurteile. Ich begegne dem ziemlich offen, da wir auch diese Bürger ernst nehmen müssen. Bisher ist es mir eigentlich gelungen, durch mein Hintergrundwissen als Integrationsbeauftragte, viel zu erklären. Die Leute gehen dann nicht gleich raus und setzen sich sofort für Flüchtlinge ein, aber diesen Vorurteilen (die Flüchtlinge bekommen eine Wohnung ausgestattet, kriegen mehr als Hartz IV, lassen es sich zweimal auszahlen usw) kann ich mit entsprechenden Fakten begegnen. Also ganz schlechte Erfahrungen habe ich bisher mit Niemandem gemacht. Ich weiß aber, dass eine negative Stimmung da ist und auch gezielt Gerüchte gestreut werden, wir stehen da aber im guten Kontakt mit der Polizei und unseren Bürgern.

Es gibt viele Menschen, die mich auch per Mail anschreiben und Kritik äußern. Da biete ich immer gern ein persönliches Gespräch an, weil so ein komplexes Thema meist nicht mit einer Antwort zu lösen ist. Einige Bürger nehmen das Angebot an. Gerade beim Entstehen von neuen Einrichtungen kommen viele kritische Hinweise, aber mit den Dingen, die wir im Vorfeld überlegen (Sicherheitskonzept, soziale Betreuung, Wachdienst usw.) können wir den Menschen viel erklären. Das gehört zu meinen Aufgaben und dazu biete ich immer wieder den notwendigen Raum für Gespräche an. Große Unterstützung erhalte ich hier vor Ort in Forst durch das Forster Flüchtlingsnetzwerk.

Gab es in letzter Zeit persönliche Erlebnisse die sie sehr berührt haben?

Ich habe in den 18 Jahren, in denen ich mit dieser Thematik beschäftigt habe, viele Einzelschicksale erlebt, bei denen traurige und schöne Erlebnisse dabei waren, gerade wenn es um Familien und Jugendliche geht. Schön ist immer zu sehen, wenn Dinge funktionieren und die Leute glücklich hier leben können. Und es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie auch kleine Netzwerke funktionieren, wo Menschen aus reiner Nächstenliebe anderen helfen. Das macht einen oft sprachlos, was da geleistet wird.

Gibt es Empfehlungen an die Flüchtlinge in dieser Situation?

Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass die Flüchtlinge darüber Kenntnis haben, in welches Land sie gekommen sind. Die Vorstellungen von Deutschland driften da sehr auseinander. Manche denken, sie kommen noch in das Hitlerdeutschland, andere haben in ihren Heimatländern gelernt, was in Deutschland passiert und wie die Dinge hier funktionieren. Sie müssen wissen, dass sie in eine westeuropäische Welt kommen, in denen verschiedene Religionen friedlich miteinander gelebt werden und bestimmte Werte und Normen existieren. Integration heißt ja auch immer „miteinander“. Das käme auch der aufnehmenden Gesellschaft entgegen. Wir haben hier im Spree-Neiße Kreis viele offene Menschen, die aber auch erwarten, dass bestimmte Werte und Normen akzeptiert werden, es darf aber auch Raum bleiben für die eigene Entfaltung. Wir wollen keine Assimilation. Es ist ein Fundus von Vielfalt, wenn Menschen aus ihren Kulturen etwas mitbringen, dass bei uns einfließen kann und sie gleichzeitig unsere Bedingungen akzeptieren können.

Wie ist die Situation in 5-10 Jahren im Spree-Neiße Kreis? Was wünschen Sie sich?

Das überlege ich auch manchmal! Wo steuern wir hin? Was passiert hier? Ich bin der Meinung, dass Deutschland riesige Reserven, Ressourcen und Potentiale hat, um solche Aufgaben zu lösen. Wir sind etwas überrollt worden, das hätte alles ein bisschen geordneter ablaufen können, so wie wir es in der Vergangenheit gewöhnt waren. Aber so haben wir die letzten Monate nicht erlebt.

Ich bin trotzdem der Meinung, dass es machbar ist. Wir brauchen aber, in irgendeiner Form, eine Abstimmung in Europa, wie wir zukünftig mit der Thematik Zuwanderung umgehen werden. Denn sonst wird es schwierig, die einheimische Bevölkerung weiter mitzunehmen. Ich persönlich würde mir eine gezielte Steuerung der Zuwanderung wünschen. Man sollte auch die Situation in den Krisengebieten näher betrachten und die Dinge vor Ort klären, um dort Bedingungen zu schaffen, dass sich nicht alle auf den Weg nach Europa machen, denn das bringt ab einem gewissen Punkt das Gefüge durcheinander.

Aber ich denke in Richtung Integration sind wir bisher auf einem guten Weg, auch wenn uns im Moment noch einige wirksame Instrumente fehlen – können wir das hier im südlichen Teil Brandenburgs gut schaffen, dass sich keine Parallelgesellschaften entwickeln und eine nachhaltige gelingende Integration in den nächsten Jahren möglich ist.

Warum funktioniert das in Spree-Neiße Kreis gut und in anderen nicht? Ist das ein menschliches oder strukturelles Problem?

Beides. Es kommt natürlich immer auf die Menschen an und es sind auch die örtlichen Gegebenheiten, die ja in jedem Landkreis anders sind.

Inwieweit sind sie von der Politik als Verwaltung abhängig? Und wie gehen Sie mit Vorgaben um, mit denen Sie nicht übereinstimmen?

Ich bin aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit und meiner Lebenserfahrung auch an diese Situation gewöhnt, Gesetze werden verabschiedet und müssen umgesetzt werden. Gerade in meiner vorherigen Tätigkeit bei einem freien Träger stößt man oft auf Grenzen, wenn man etwas durchsetzen möchte. Ich sehe mich da jetzt eher in einer Mittlerfunktion. Ich weiß sehr wohl, was „draußen“ passiert und in welchen Zwängen Verwaltung oft handeln muss. Ich versuche einen Weg zu finden, dass man miteinander in das Gespräch kommt und das man gehört wird. Wenn man die Sachverhalte auch nicht immer sofort verändern kann, aber zu mindestens an die Politik signalisiert, wie es vor Ort aussieht.  Man muss für sich Prioritäten setzen für Themen, die möglich sind, ansonsten schafft man es nicht. Denn die großen Veränderungen werde ich aus meiner Position nicht erreichen können, aber immer miteinander im Gespräch bleiben – das ist meine Prämisse. Dieser Ansatz ermöglicht mir an dieser Stelle ein gutes Arbeiten und ich komme damit persönlich sehr gut klar. Ich weiß nicht, ob es die Lösung ist, aber so lange bin ich ja auch noch nicht Integrationsbeauftragte (lacht), aber ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, in der Verwaltung sowie auch an der Basis.

DANKE!

Ich habe in den 18 Jahren, in denen ich mit dieser Thematik beschäftigt habe, viele Einzelschicksale erlebt, bei denen traurige und schöne Erlebnisse dabei waren, gerade wenn es um Familien und Jugendliche geht. Schön ist immer zu sehen, wenn Dinge funktionieren und die Leute glücklich hier leben können. Und es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie auch kleine Netzwerke funktionieren, wo Menschen aus reiner Nächstenliebe anderen helfen. Das macht einen oft sprachlos, was da geleistet wird.