16 Mai 2017

Ninar

Hallo, mein Name ist Ninar. Ich bin eine syrische Bürgerin. Ich lebe in Damaskus. Wie ihr wisst, ist mein Land Syrien seit 6 Jahren in einem Krieg, der noch immer weiter geht. Wir haben durch den Krieg viel verloren. Wir haben unsere Jugend verloren, unsere Fröhlichkeit und unsere Träume. Wir haben Menschen verloren, die wir brauchen und vor allem haben wir unseren Ruf als ein friedliebendes Volk verloren. Und doch haben wir auch gute Dinge erworben: Den Willen. Den Willen zu überleben und die Krise zu bewältigen. Stellt euch vor, dass eine syrische Familie daran gewöhnt ist, mit maximal sechs Stunden Strom am Tag auszukommen. Wir haben uns an harte Winter gewöhnt, in denen es zu wenige oder gar keine Heizung gibt. Wir leben mit Wassermangel und wie ihr wisst, ist Wasser die Grundlage des Lebens. Wir leben mit Blut, Explosionen und plötzlichen Raketenangriffen. Stell dir vor, du sitzt mit deiner Familie und Geliebten gemeinsam beim Abendessen und einen Moment später findet ihr euch unter Ruinen wieder.

Lasst uns nun über das Leben von syrischen Schülern reden, welche noch in der Schule oder der Universität sind. Vor dem Krieg war das Leben voller Optimismus mit dem Ziel, immer mehr zu lernen. Jetzt leiden Schüler unter Verkehrschaos, Stromausfall und bitterer Kälte. Sie leiden auf dem Weg zum Studienort und dem Weg nach Hause, ganz abgesehen von den Studienkosten, die nicht zu bewältigen sind. Das gleiche gilt für Arbeitnehmer. Wie gesagt, ich lebe in Damaskus. Dies hier sind die Bedingungen für Angestellte und Studenten in der Hauptstadt – könnt ihr euch dann die Situation in anderen Regionen vorstellen; zumindest in Städten, in denen Bildung überhaupt noch existiert? Denn viele Universitäten und Schulen wurden geschlossen, um das Leben der Schüler vor Raketen und unerwarteten Explosionen zu schützen. Viele sind Zeugen plötzlicher Selbstmordanschläge geworden, die auf Kinder, junge Menschen und Lehrer zielten. Wir alle wissen: Was in meinem Land passiert, ist traurig und tragisch, aber unser Volk hat einen sehr starken Willen und hält bis heute durch. Die Menschen auf der Welt haben geglaubt, dass unser Volk sich spalten und zerfallen würde. Stattdessen sind wir heute vereinter denn je und versuchen uns gegenseitig so weit wie möglich zu helfen. Junge Menschen haben viele Hilfskampagnen gegründet, um eine Generation zu bilden, die von Vernunft und nicht von traumatischen Kriegserfahrungen geleitet wird. Zerstörte Orte, Moscheen und Kirchen sollen wieder aufgebaut werden. Wir haben viele Erste-Hilfe-Zentren gegründet und spezielle Kurse für Medizin und Erste Hilfe besucht, um die Erstversorgung für Verletzte leisten zu können. Viele von uns sind Organisationen wie dem „Roten Halbmond“ oder dem „Roten Kreuz“ als Freiwillige beigetreten, um Flüchtlingen in den betroffenen Gebieten zu helfen, sie finanziell und moralisch zu unterstützen und ihr seelisches Leid zu mindern. Wir haben auch erfolgreiche Versuche unternommen, obdachlosen Kindern ein bestmögliches Zuhause zu geben. Wir möchten das Leben eines jeden syrischen Kindes wieder aufbauen und ihm zu dem Recht verhelfen, seine Kindheit wie jedes Kind dieser Welt zu leben; wir möchten syrischen Schülern das Recht auf Bildung geben, syrischen Familien ein Leben in Frieden und ohne tagtäglichen Druck. Wir möchten, dass alle in Frieden und Freundschaft leben, wie wir es vor sechs Jahren getan haben. Jeder kann uns dabei helfen, indem er seine Vorurteile uns gegenüber ändert und unser Selbstvertrauen darin stärkt, dass wir ein großartiges und friedliches Volk sein können. Danke für eure stete Anteilnahme, und ich danke Frau Hubrich dafür, dass sie die Verbindung zwischen uns ist. Wir hören voneinander, Inschallah (so Gott will), sodass ich euch weiterhin im Detail von meinem täglichen Leben erzählen kann, welches beispielhaft ist für das Leben aller syrischen Bürger, die standhaft in ihrer Heimat verbleiben: Syrien.

Auf Wiedersehen.